Marmor-Akt

Jeder Mensch ist schön. Doch nicht jeder Mensch erkennt seine Schönheit – wie genau dies mit Gesellschaft, Medien und anderen Faktoren zusammenhängt, sei an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt, da hier im Fokus stehen soll, wie und weshalb ich mit einer Fotoserie eine gegenteilige Wirkung erzielen möchte.

 

Es gibt eine Kunstform, die meinem bescheidenen Eindruck nach stets die Schönheit der dargestellten Wesen oder Objekte vor Augen führt: Die Bildhauerei. Sobald Menschen in Form von Skulpturen verewigt werden, entstand in der langen Geschichte der Bildhauerkunst zumeist ein idealisiertes Bild der dargestellten Persönlichkeit. Ob es nun an unserer erfahrungsbasierten diesbezüglichen Konditionierung liegt oder am Medium selbst: Ich halte es für möglich, dass allein die Darstellung einer Person als Marmor-Skulptur – unabhängig davon, ob diese den aktuellen Schönheitsidealen entspricht – uns diese Person als schön empfinden lässt. Denn von derartigen Kunstwerken geht eine Eleganz und Ruhe aus, die jene Wirkung regelrecht provoziert.

Sehr schön eingefangen wurde dieser Effekt in Joe Wrights Stolz und Vorurteil (2005), als die Protagonistin Elizabeth Bennett das Anwesen Mr. Darcys besucht. In einer Räumlichkeit voller weißer Skulpturen tanzt die Kamera um selbige, streicht an ihren Formen entlang und anhand weicher Blenden wird die sanfte Ausstrahlung der Figuren auf den Punkt gebracht. Das weiche Licht tut hier sein Übriges. Als im Anschluss auf eine Büste als Ebenbild Darcys geschnitten wird, assoziiert man als Zuschauer die Darstellung als Skulptur bereits mit Schönheit und Reinheit, womöglich gar mit Perfektion. Nicht schwer, so zu verstehen, dass Elizabeth jenes Werk nun voller Zuneigung betrachtet.

Diese Eigenart von Marmorskulpturen möchte ich mir zunutzen machen und Aktfotos von Personen unterschiedlichster Körperstatue anfertigen, die unter Beihilfe von Maskenarbeit und digitaler Bildbearbeitung auf den finalen Bildern wie echte Marmorskulpturen aussehen sollen. So kann ich nicht nur in Bildern meine Behauptung ausdrücken, dass jeder Mensch schön ist, sondern dies höchstwahrscheinlich sogar beweisen, indem der Betrachter dies zudem fühlt und nachempfindet.

 In diesem Making-Of: Ein kurzer Ausschnitt aus besagter Szene (0:51)

 

Wir haben auf dem Weg zu einer freien, selbstbestimmten Gesellschaft bereits viel erreicht. Zugleich legen wir uns in dieser aber immer wieder selbst in Ketten, indem wir uns strengen ungeschriebenen Regeln fügen, die uns in vielen Fällen nicht einmal von Nutzen sind – so etwa in Bezug darauf, wie wir aussehen wollen bzw. sollen. Auf diese Weise rauben wir uns nicht nur unser Glück, sondern auch einen Teil unserer Freiheit.

Kürzlich sah ich den Film „Suffragette“ (Sarah Gavron, 2015), welcher sich mit dem Kampf um die Einführung des Wahlrechts für Frauen in Großbritannien auseinandersetzt. Lange hat mich kein Film mehr so eingenommen, mich mitfiebern lassen, dass ich kaum auf meinem Stuhl stillsitzen konnte, und mich noch einige Zeit nach dem Ansehen so beschäftigt. Dann klicke ich im Internet herum, gelange zur TV-Show um den „Bachelor“ – der Ausdruck „WUAAAAH“ beschreibt meine Empfindung hier wohl recht treffend. Gerade noch war man froh darüber, was für Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten eingetreten sind, um dann weibliche wie männliche Nachkommen der eigenen Spezies dabei zu beobachten, wie sie Errungenschaften einfach über Bord zu werfen scheinen.
Im Supermarkt entdecke ich kürzlich Marzipan für Männer, nicht viel früher Chips und Müsli nach Geschlechtern geteilt.
All diese Dinge stehen nicht in direktem Zusammenhang zu unserem Schönheitsempfinden zu tun, doch sie gehören zu unserer Selbstdefinition und unserer Selbstwahrnehmung – und damit mit den Schönheitsidealen in eine Reihe.

Jene Beobachtungen drängen mir den Gedanken auf, dass unsere Gesellschaft nicht nur weder Fortschritte macht noch stagniert, sondern vielmehr auch einige Rückschritte erlebt. Somit habe ich das dringende Bedürfnis, mit meiner Arbeit die Schönheit einzufangen, die ich unter dem vermeintlich Suboptimalem wahrnehme.

Models gesucht

Für diese Fotoserie bin ich aktuell auf der Suche nach Akt-Models. Dabei soll es sich um Menschen mit ganz gewöhnlichen Körpern handeln. Wenn Du Interesse an diesem Projekt hast, melde dich gerne.

PASSEND ZUM THEMA:

Megan Jayne Crabbe steht als bodyposipanda auf Instagram zu ihrem Körper:

https://www.instagram.com/p/BDOebxPopZZ/

Corinna Milborn trägt dazu bei, ein Bewusstsein für unser Schönheitsbild zu schaffen:

Auch in dieser Auseinandersetzung wird die Verflechtung von Schönheit, deren Inszenierung und Wertschätzung behandelt. Ein Musterbeispiel dafür, dass manch eine Art von Entwürdigung in unserer Gesellschaft derart etabliert ist, dass sie als solche zum Teil nicht wahrgenommen wird.

 

Lieber Felix Baumgartner, ich habe eine Einladung für Sie. Sie haben mich in einem Facebook-Posting erwähnt, weil ich das Werbefoto eines Unterwäscheherstellers kritisiert habe. Ich erkläre Ihnen gerne nochmal warum: Man sieht darauf Frauen, die kaum bekleidet auf einem schmutzigen Boden liegen und mit dem Gesicht gegen die Wand auf einen Haufen Dreck schauen. Das erinnert mich an meine Recherchen zu Menschenhandel – nämlich an die Fotos, die Frauenhändler von ihren Opfern machen, um dem nächsten Abnehmer die "Ware" zu zeigen: Man sieht da Frauen, wenig oder nicht bekleidet, in Abbruchhäusern oder Kellern, oft von hinten fotografiert, damit man das Gesicht nicht erkennt und die Frauen nicht gefunden werden können. Das ist eine Realität. Und ich finde so eine Ästhetik sehr unpassend für eine Werbung für Unterwäsche zu Ostern. Sie sind aber nicht auf diese Kritik eingegangen, sondern haben behauptet, ich hätte das Sujet _wegen meiner eigenen Figur_ kritisiert. Was überhaupt keinen Sinn ergibt. Ich wollte deswegen zunächst auch gar nicht darauf eingehen. Es haben aber so gut wie alle Medien Ihr Facebook-Posting aufgegriffen, und deswegen antworte ich jetzt doch: Was Sie da getan haben, ist nämlich sehr typisch. Sie haben nicht einen der Männer kritisiert, die das Sujet ebenso gesehen haben, sondern haben sich eine Frau herausgepickt. Und Sie sind nicht auf den Inhalt eingegangen, sondern haben zusammenhanglos mein Aussehen, meinen Körper thematisiert. Das passiert Frauen dauernd, und es trifft alle: Zu hübsch um ernst genommen zu werden, zu blond um gescheit zu sein, zu sexy oder zu unweiblich, zu stark geschminkt oder zu hässlich, zu dünn oder zu dick, zu alt oder zu dunkelhäutig (oder mit der falschen Figur um eine Meinung zu äußern – was, mit Verlaub, wirklich zum deppertsten gehört). Ich will nicht, dass Ihr Facebook-Posting – mit dieser Reichweite – dazu führt, dass irgendeine Frau da draußen das Gefühl hat, sie müsse sich erst irgendwelchen Schönheitsvorstellungen von Leuten wie Ihnen beugen, bevor sie in der Öffentlichkeit den Mund aufmacht. Deshalb möchte ich das gerne mit Ihnen besprechen. Ich möchte Sie einladen in meine Sendung "Pro und Contra" auf PULS 4, um mit Ihnen über Ihr Frauenbild und die Auswirkungen zu diskutieren. Sie sind ja schon aus dem All gesprungen, Sie sind also sicher nicht zu feig dafür – oder, um es in Ihrer Sprache zu sagen: Sie haben doch sicher die Eier, sich der Diskussion zu stellen. Ich freue mich darauf.ps weil das unklar berichtet wurde: Ich habe nie etwas über die Frauen auf dem Sujet gesagt und schon gar nicht über ihre Körper, sondern das Setting kritisiert. Ich hab auch das Posting nicht gelöscht, sondern die Sichtbarkeit auf "nur Bekannte" gestellt – ich habe hier die Information einer TV-Sendergruppe zu leiten und kann mich nicht den ganzen Tag um die Kommentare kümmern.

Posted by Corinna Milborn on Mittwoch, 19. April 2017

 

Schön wenn sich Zuhause wieder einige sogar zu Ostern aufregen! Allen voran Puls-4-Infochefin und -Moderatorin Corinna…

Posted by Felix Baumgartner on Dienstag, 18. April 2017

2 thoughts on “Marmor-Akt

    1. Das freut zu lesen. Momentan bin ich noch in der Testphase: Ob es besser funktioniert, wenn ich Körperteile zuvor weiß anmale und nachbearbeite oder den Effekt mit reiner digitaler Nachbearbeitung am besten erreiche.

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