Kaltfüßig

Kaltfüßig

Kurzgeschichte

 

Mit eisigem Griff umfasste die stählerne Kälte sein Gesicht, strich ihm mit spitzen Hexenfingern über die Lippen, bis die Haut abpellte, und ließ die Züge seines Antlitzes starr werden. „Komm“, schien sie ihm ins Ohr zu zischen.

Unter seinem Körper begannen die Beine forschen Schrittes zu marschieren. Dort vorn, dort würde er umkehren. Doch kaum dort angekommen, fand er sich, noch immer laufend, im nächsten Moment bereits ein ganzes Stück weiter des Weges vor. Er hatte alle Zeit der Welt und eilte bald, als würde er verfolgt. Die Füße unter den laufenden Beinen begannen zu schmerzen – war der eine eingeschlafen? Schon fühlte es sich an, als gehörte er nicht zu dem Bein, das nicht zu seinem Körper zu gehören schien.

Vor ihm tat sich eine Wiese auf. Tau thronte auf ihren pflanzlichen Bewohnern, von messerscharfer Form. Leicht drang das Geräusch zerberstender gefrorener Blätter durch die Stille, als die baren Füße über die Wiese hasteten. Stumm ließ der sternenklare Himmel eine Wolke gewähren, die sich verstohlen vor den Mond schob.

Am Rande der Wiese glitt er zielstrebig durch ein Wirrwarr aus Bäumen, bis er angekommen war. Der See lag so spiegelglatt da, dass sogar die kleinen Wellen, die durch ein hineinfallendes Blatt ins Leben gerufen wurden, einer stürmischen See gleichzukommen schienen. Kaum merklich sanken seine Füße in den weichen Untergrund am Rande des Wassers ein. Unnachgiebig verwob sich die Kälte des Morastes mit ihnen. Vor seinem Mund bildeten sich Kondenswolken. In immer kürzeren Abständen formierten sie sich. Der See schien die Luft anzuhalten.

Er schloss die Augen und schwor ein Bild herauf. Am anderen Ufer ein sonderbarer Zweig, der aus dem See emporwächst, gefolgt von einer Knospe, die sich dreht, obwohl kein Wind sie in Bewegung brächte. Mit dem Licht, das die Wolke wieder freilässt, entpuppt sich der Zweig als Hand, die Knospe als Kopf. Unter den Haaren, die nass im Gesicht kleben, Augen, die ihn suchen und finden. Getränkt in Seewasser und dennoch durstig.

Er riss die seinen auf. Noch immer raubte die Wolke dem Mond die Sicht auf das Gewässer, das wie unberührt zu seinen Füßen ruhte. Alles sah so real aus, so – normal. Was hatte er sich Gedanken gemacht.

Bedächtig trat er zurück, hinaus aus dem aufgeweichten Boden, auf ein Fleckchen trockener Erde. Vorsichtig blinzelte der Mond hinter der Wolke hervor.

Der Kaltfüßige drehte sich um und ging. Das Blut in seinen Sohlen, durch die frostigen Temperaturen in Wallung gebracht, ließ das Laufen über den trockenen Boden einer warmen Streicheleinheit gleichkommen. Lebendig und stark macht er sich wieder daran, die Kälte rasch zu durchschneiden.

 

© Lydia C. Fleischer 2014

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