Sterneschauen

Sterne schauen

Kurzgeschichte

 

Es war eine sternenklare Halbmondnacht, als Herr Mull aus dem Fenster schaute und befand, es sei eine geeignete Nacht, sich seinen Sternstudien zu widmen.

So griff er denn zu Stock, Mantel und Notizbuch und spazierte durch die Stadt, den Blick kontinuierlich zum Himmel hebend, nach einem Standpunkt suchend, der ihm einen zufriedenstellenden Ausblick auf die Lichterwelt über ihm gewährte.

Bevor er in dieser Hinsicht erfolgreich war, fand der Suchende jedoch Frau Rosenscheid auf der Straße vor. Gemächlich wanderte sie ihres Weges, ohne Herrn Mull zu grüßen, den Blick starr geradeaus gerichtet, die Koordination der Bewegungen selten unkontrolliert. Das allein hätte schon Irritation hervorgerufen, insbesondere schien dem Sternforscher aber ihre äußere Aufmachung nicht gänzlich der Situation angemessen. Mull gestand ihr zu, mit dem geblümten Nachthemd eine durchaus gewöhnliche Nachtbekleidung gewählt zu haben, in Anbetracht der etwas frischen Temperaturen stufte er es aber als besonders bemerkenswert ein, ein Kleidungsstück zu wählen, das in der Regel dem heimischen Tragen vorbehalten ist. Eingehend betrachtete er sie, während sie die Straße entlang schritt. Die Haare, sonst wohlfrisiert, in dieser Nacht wirr, an den Füßen ein Schuhwerk, das eindeutig nicht zum Ausgehen bestimmt war.

„Frau Rosenscheid“, sprach er, indem er ihr nachging und betrachtete ihr Gesicht, zerknautscht wie ein viel geliebtes Kissen. Es erfolgte jedoch keine Reaktion und gerade setzte er an, von ihr abzulassen, als er ihres Griffes um sein Handgelenk gewahr wurde. Bestimmt zog sie ihn mit sich.

Weder Herrn Mulls Erklärung, er hätte ursprünglich geplant, in eine andere Richtung zu gehen, noch sein bemüht höfliches Bitten, ihn doch wieder loszulassen, konnte Frau Rosenscheid dazu bewegen, ihn wieder freizulassen, bis sie den See erreichten. Dort ließ sie von ihm ab, entledigte sich ihres geblümten Nachthemds – Herr Mull drehte sich hektisch zur Seite – und stieg ins Wasser.
Das Plätschern im Ohr, fuhr Herr Mull wieder herum und schnappte nach Luft. Eben tat Frau Rosenscheid den ersten Schwimmzug. „Frau Rosenscheid, Sie holen sich den Tod!“ Da drehte sie um und Mull konnte kaum fassen, endlich zu ihr durchgedrungen zu sein, als sie zu einer nahegelegenen Bank ging, sich darauf niederlegte und einen Augenblick später bereits tief zu schlafen schien.

Da lag sie nun, bis auf ihre nasse Leibwäsche gänzlich unbekleidet. Daneben stand Mull, der sich eingestehen musste, dass er am liebsten fortgelaufen wäre und sich schämte, in dieser Situation noch mit kritischem Auge einige Dellen an Frau Rosenscheids reifen Beinen zu registrieren.

Einen Moment stand er mit nervösen Augen da, striff sich dann den Mantel ab und hüllte die Wunderliche darin ein. Zögerlich ließ er sich neben ihr nieder, wrang mit spitzen Fingern ihre Haare aus und sah auf den See, in dem sich die Sterne spiegelten. Langsam hob er seinen Blick. Eine optimale Sicht auf die Sternenlandschaft. Lediglich ein wenig wärmere Kleidung wäre von Vorteil. Er erhob sich und machte sich auf den Weg. Frau Rosenscheid lag auf der Bank, mit der Gleichmäßigkeit eines tief schlafenden Menschen atmend.

 

© Lydia C. Fleischer 2014

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